Hypophysenadenome

Vom Drüsengewebe der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) ausgehende gutartige Tumoren werden als Hypophysenadenome bezeichnet. Die Lage der Hypophyse an der Schädelbasis, von oben, hinten und von den Seiten vom Gehirn, den Sehnerven und den großen Schlagadern umgeben, macht die operative Behandlung sehr delikat. Es handelt sich um langsam wachsende Tumoren, die sich durch Druck auf die Sehnervenkreuzung oder Störung der Hormonproduktion der Hypophyse bemerkbar machen. Wenn die Tumorzellen die Fähigkeit besitzen, Hormone der Hypophyse in unkontrollierter Weise auszuschütten, kann es zu schwerwiegeneden endokrinologischen Erkrankungen, wie dem Morbus Cushing (Cortisol), Akromegalie oder beim Auftreten im Kindesalter auch Gigantismus (beides Wachstumshormon) führen.

Bevor es zu Sehstörungen in Folge des Drucks auf die Sehnervenkreuzung kommt, entwickelt sich oft ein schleichender Hormonmangel, der von Patienten häufig erst mal nicht wahrgenommen wird.

Bildbeschriftung: Kernspintomographisches Schnittbild durch den Kopf eines Patienten mit großem Hypophysenadenom. Der Tumor ist blau  eingezeichnet. Gelb markiert ist der Verlauf des stark angehobenen Sehnerven.

 

 

Eine MRT-Untersuchung der Hypophyse gehört heute zum Standard der Diagnostik.

Darüber hinaus ist eine endokrinologische Untersuchung der Hormonfunktion der Hypophyse erforderlich. Etwa ein viertel aller Hypophysenadenome bilden das Hormon Prolaktin in großen Mengen. Diese Tumoren, Prolaktinome genannt, können in der Regel mit Medikamenten behandelt werden und müssen nicht operiert werden. Viel seltener sind Tumore, die das Wachstumshormon oder das adrenokortikotrope Hormon (welches zu einer überschießenden Cortisolausschüttung in der Nebenniere führt) bilden. Diese Tumoren müssen, unabhängig von ihrer Größe behandelt werden, um den Hormonhaushalt wieder in Geichgewicht zu bringen. Die meisten Hypophysenadenome produzieren keine Hormone, können aber durch Druck auf die normale Hypophse zu einem Hormonmangel führen. Einige dieser Hormone wie Cortisol und das Schilddrüsenhormon sind lebenswichtig und deren Mangel kann zum Koma führen. Deshalb müssen diese Hormone im Falle eines Mangels mit Medikamenten ersetzt werden.

Zu jeder Abklärung eines neu entdeckten Hypophysenadenoms gehört auch eine augenärztliche Untersuchung mti Messung der Sehschärfe und des Gesichtsfeldes, um Einschränkungen der Sehnervenfunktion frühzeitig zu erkennen.

Bei Auffälligkeiten in den oben genannten Untersuchungen sollte geprüft werden, ob eine operative Behandlung des Hypophysenadenoms sinnvoll ist. Hierzu bietet unsere Klinik eine Spezialsprechstunde an.

 

 

 

Nach erfolgter Diagnostik und Prüfung der OP-Indikation in unserer Sprechstunde, werden Patienten am Tag vor der Operation stationär aufgenommen. Hier erfolgen noch ggf. erforderliche Zusatzuntersuchungen einschließlich der Narkosevorbereitung. Häufig wird noch eine spezielle MRT-Untersuchung zur Operationsplanung durchgeführt.

Bildbeschriftung: Die Vorbereitung zu einer Hypophysenoperation. Aus der Abdeckung schaut die Nase des Patienten heraus. Mit Hilfe der Neuronavigation (Monitor links im Bild) kann der Operateur mit Mikroskopsicht den Tumor gezielt ansteuern. 

 

 

 

In fast allen Fällen ist bei einem Hypophysenadenom eine Tumorentfernung durch die Nase (transsphenoidal) vorzunehmen. Dabei können wir in unserer Klinik auf große Expertise und umfangreiche Ausstattung zurückgreifen. Bei den meisten Eingriffen werden mit Hilfe der Neuronavigation und der intraoperativen Kernspintomographie (MRT) durchgeführt. Es kann nach Lage und Ausdehnung sowohl die mikrochirurgische (Operationsmikroskop) als auch endoskopische Technik oder eine Kombination von beiden Anwendung finden.

Bei großen Tumoren ist die intraoperative kernspintomographische Untersuchung sehr hilfreich, versteckte Tumorreste zu identifizieren und diese dann mit der Neuronavigation gezielt aufzufinden. Dadurch gelingt es in über 90% der Eingriffe den Tumor vollständig zu entfernen.

 

 

Bildbeschriftung: Ein Blick in das Operationsfeld. Links ist der weißliche Tumor, der sich in der Eröffnung hinein drückt und mit der Kürette schrittweise entfernt wird. Rechts ist der Blick nach Tumorentfernung. Grün markiert ist der Eingang in die Tumorhöhle. Von oben wölbt sich das Diaphragma sellae in die Höhle hinein. Mit dem gelben Pfeil ist die normale Hypophyse markiert. 

 

 

Bildbeschriftung: Die Neuronavigation zeigt den Operationssitus in den MRT-Aufnahmen an. Das blaue Kreuz symbolisiert den Fokuspunkt des Operationsmikroskops. Der Tumor ist mit einer orangen Linie markiert. Die Schlagadern des Gehirns sind rot, der Sehnerv gelb.

 

 

Am Ende der Operation wird der operative Zugangsbereich verschlossen und in die Nasengänge zum Vorbeugen von Schleimhautblutungen Tamponaden eingeführt. Diese werden für 1-2 Tage belassen. In manchen Fällen wird am Ende der Operation eine dünne Drainage in den Rückenmarkskanal eingeführt, über die in den ersten 5 Tagen Nervenwasser abgeleitet wird. Das entlastet die Operationswunde und ermöglicht eine bessere Verheilung der Schädelbasis.

Nach der Operation kommt der Patient für ein bis zwei Nächte auf die Intensivstation. Ein Krankenbesuch ist auch schon am OP-Tag während der Besuchszeiten der Intensivstation möglich.

Während der Operation und des stationären Aufenthaltes wird vorsorglich Cortison verabreicht, damit ein eventuell auftretender Cortisonmangel den Patienten nicht gefährden kann. Manchmal wird auch der Ersatz anderer Hormone erforderlich. Vor allem die Regulation des Salz- und Wasserhaushaltes kann in bis zu 10% der Patienten gestört sein. Dabei wird durch die Niere entweder zu viel oder zu wenig Wasser ausgeschieden.  Diese Störung muss rechtzeitig erkannt und behandelt werden, weshalb der stationäre Aufenthalt nach der Operation acht bis zehn Tage dauert. Während dieser Zeit werden regelmäßig die Urinmenge, seine Zusammensetzung und die Blutsalze untersucht. Bei Störungen wird entweder mit Hormonen oder Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr behandelt.

 

Es ist sehr wichtig, die im Krankenhaus verordnete Hormonersatztherapie in der empfohlenen Dosierung einzunehmen. Erst nach einer Überprüfung der Hypophysenfunktion durch den Endokrinologen kann eine Dosisanpassung oder ein Absetzen der Medikamente erfolgen.

Nach der Entlassung aus der Krankenhausbehandlung sollte sich der Patient für etwa vier bis sechs Wochen körperlich schonen. Vor allem Tätigkeiten, welche zu einer starken Erhöhung des Kopfdrucks führen können, wie schweres Heben, Kraftsport aber auch Niesen sollten unterlassen werden. Nach dieser Erholungszeit ist in der Regel die Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit wieder ohne Einschränkungen möglich.

Sollten nach Entlassung neue Beschwerden auftreten, bitten wir nach vorheriger Konsultation des Hausarztes um eine telefonische Kontaktaufnahme mit unserer Ambulanz. oder in Notfällen außerhalb der regulären Arbeitszeit mit dem diensthabenden Arzt.

 

Trotz vollständiger Tumorentfernung kann es in manchen Fällen im Verlauf zu einem erneuten Tumorwachstum kommen. Außerdem ist eine engmaschige Kontrolle und Ersatz eventuell ausgefallener Hormonfunktion für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Patienten mit Hypophysenerkrankungen sehr wichtig. Deshalb genist eine konsequente Nachsorge unserer Patienten eine hohe Priorität. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Augenärzten, Endokrinologen, interdisziplinären Hypophysensprechstunde können wir in Zusammenarbeit zwischen dem Endokrinologiezentrum Ulm, dem Radiologiezentrum Neu-Ulm-Günzburg und unserer Neurochirurgischen Ambulanz eine umfassende Untersuchung und Beratung in einer ambulanten Vorstellung anbieten.

Nach der ersten Untersuchung, drei Monate nach der Operation erfolgen jährliche Kontrollen. Im Falle von erneutem Tumorwachstum werden im interdisziplinären Konsensus weitere therapeutische Schritte eingeleitet. Häufig ist erst mal nur weitere engmaschige Verlaufsbeobachtung erforderlich. In anderen Fällen muss über eine erneute Operation oder eine radiochirurgische Behandlung nachgedacht werden.